Wer wäre ich, wenn ich nicht in Ostende geboren wäre?
Ich hätte das Meer nicht gekannt, das durch mein Leben fließt.
Ich hätte nicht wie ein schlafloser Irre durch die Straßen gewandert.
Ich hätte niemals die Schönheit eines verlassenen Deiches entdeckt.
Ich hätte die Fischer nicht hinausfahren sehen und die Frauen nicht auf ihre Rückkehr warten sehen.
Ich hätte die Dunkelheit in meiner Seele nie auf Papier gebracht.
Ich hätte das Kursaal nie bewundert und die Stille in den Galerien nie gehört.
Ich hätte den Wind auf dem Pier nicht gespürt, der mich umarmte und mir Richtung gab.
Ich wäre ein Unbekannter für die Bäume im Leopoldpark.
Als Kind hätte ich nie den Schock in meiner Seele gespürt, als ich die Gemälde von Ensor sah.
Hier, in Ostende, fühlte ich, dass ich Künstler sein wollte. Hier habe ich gelernt, alleine zu sein, zu schauen und zuzuhören. Hier fand ich die Inspiration, um meine Träume und Gedanken zu zeichnen. Stundenlang habe ich hier umhergewandert und nachgedacht. Ich suchte mich selbst und fand das Licht von Ostende.
Doch jetzt weht der Wind in Richtung Brüssel. Morgen früh werden meine Frau Rachel, meine Tochter Madeleine und ich den ersten Zug nehmen. Bevor wir umziehen, möchte ich Ostende grüßen, noch einmal durch ihre vertrauten Straßen gehen und ihre salzige Luft einatmen. Noch ein letztes Lebewohl an meine Heimatstadt.
Herrlich. Mann, das tut gut. Diese Luft. Diese salzige, wilde Ostender Luft. Atme sie ein, Léon. Die findest du nicht in Brüssel. Kein Sand oder Meer im Wind, nur Ruß und Industrie. Es muss so sein. Unsere Madeleine kann sehr gut Klavier spielen. In Brüssel wird sie von Meistern lernen. Ihre Mutter, meine Rachel, hat recht. Die Virtuosen sind dort. Unsere Tochter wird noch besser werden.
Glück. Von all den Dingen, die sie von mir hätte erben können – meine Schlaflosigkeit, Unruhe, Nervosität – wer hätte gedacht, dass ich das weitergeben würde? Meine unheilbare Künstlerseele. Es scheint ansteckend zu sein. Hoffentlich ist sie eine bessere Schülerin als ich es war. Ach, Ostende, du machst mich melancholisch. Ich war hier glücklich. Aber verdammt, auch unglücklich. Du fließt durch meine Kunst wie das Meer. Ich werde dich mitnehmen. Nach Brüssel. Wie den Sand vom Strand, den man Jahre später noch in seinen Schuhen findet.
Auf geht's, Léon. Wohin? Wo ich als junger Kerl gewohnt habe? Und zu den Galerien … wie oft bin ich dort nachts wie ein schlafloser Verrückter umhergewandert? Und das Meer, natürlich. Ich kann Ostende nicht verlassen, ohne es noch einmal zu sehen. Ich muss die Wellen brüllen hören und den Wind durch meinen Kopf rasen lassen. Ach, stimmt. Ich sollte ein Brot mitnehmen für unsere Rachel. Also ... Stadt, Meer und dann zum Bäcker.
Genug getrödelt. Auf geht's, Seebeine. Auf geht's, alter Körper. Es ist vielleicht das letzte Mal hier. Los geht‘s!
Saßen wir wirklich zu neunt hier zusammen? Es ist ein halbes Wunder, dass wir uns nicht gegenseitig umgebracht haben. Ich, der Älteste von diesem Haufen Unruhestifter. Insgesamt habe ich hier über 20 Jahre gelebt, über dem Friseursalon und der Parfümerie unseres Vaters im Erdgeschoss. Neben dem Regenschirmgeschäft meines Großonkels Emile. Er malte auch, Landschaften. Er hat mir beigebracht, wie es geht. Und unser Vater, ich sehe ihn noch hier stehen, Frisuren ausstellen und Düfte kreieren. Ein Meister in seinem Fach. So gut, dass sogar der König diese Düfte an seinen Hof liefern ließ. War mein Vater auch ein Künstler? Es ist verrückt, dass ich das jetzt erst erkenne. Nicht mit Farbe oder Tinte wie Emile oder ich, mein Vater war ein Duftkünstler und sein Meisterwerk war die Brise D’Ostende. Der Duft von Ostende. Mein Vater ließ mich sogar ein Design dafür machen. Mein erster bezahlter Job. Brise d’Ostende. Ich rieche es noch, wenn ich die Augen schließe.
Und unsere Mutter. Eine stille Seele. Wie ich. Eine Melancholikerin. Wie ich. Und eine tiefgläubige Frau... Nicht wie ich. Es ist seltsam, was man von seinen Eltern übernimmt, aber noch seltsamer ist es, was man in sich selbst findet. Die Liebe zum Schaffen habe ich von meinem Vater. Die Liebe zur Stille kommt von meiner Mutter. Aber das Zeichnen... das kommt nicht von ihnen. Meine Mutter sagte, dass ich schon zeichnen konnte, bevor ich laufen konnte. Was in meinem Kopf war, musste aufs Papier. Diese Dunkelheit habe ich auch nicht von meinen Eltern, die habe ich selbst gefunden. Ich suchte nach dem Grund, warum ich mich so fühlte, ich suchte nach mir selbst, in meinen Selbstporträts, ich zeichnete mich im Spiegel, am Staffelei, in den Räumen unseres Hauses. Aber wann findet man sich selbst?
Ich bin in meinem Leben schon viel zu oft umgezogen. Manchmal, weil das Licht so schön in eine Straße fiel. Manchmal von Stadt zu Stadt. Manchmal, weil das Dach undicht war, aber meistens, weil es nicht anders ging. Ich konnte in meinem Kopf keinen Frieden finden, also wo sonst? Ich musste mich bewegen. Aber jetzt, da wo ich weiß, dass ich Ostende verlasse, könnte ich hier noch stundenlang stehen bleiben.
Ich habe es oft gedacht und sogar geschrieben: 'In der Schule haben sie meine Seele geklaut, und ich habe sie nie zurückbekommen.' Stunden um Stunden habe ich hier verbracht, was für eine Zeitverschwendung. Ich zeichnete lieber in meinen Skizzenbüchern. Die meisten Lehrer bekamen einen Platz in meinem Buch, als Karikatur. Die Große Nase der Mathematik. Der Krumme Schnurrbart der Geschichte. Sogar auf dem Heimweg zeichnete ich Leute, die ich jeden Tag sah: den krummen Pfarrer, den Anwalt mit seinem schicken Hut. Etwas habe ich in dieser Zeit doch gelernt: Zeichnen und Beobachten. Aber ein gutes Zeugnis? Das habe ich nie bekommen.
Hier habe ich angefangen zu lesen. Wirklich zu lesen. 'Ein Gedicht ist ein Rätsel, dessen Schlüssel der Leser suchen muss', schrieb Stéphane Mallarmé. Ich war sofort begeistert. Denn wenn du liest, erkundest du unbekannte Horizonte, andere Welten. Du stehst plötzlich mittendrin. So wie wenn du ein Gemälde oder eine Zeichnung betrachtest. Du fragst dich, was es bedeutet und was es mit dir zu tun hat. Das ist Kunst. Ich habe viele Schriftsteller und Dichter gekannt und war immer beeindruckt. Ich habe selber Gedichte geschrieben als junger Kerl. Zum Glück habe ich sie zerstört, damit niemand sie mehr lesen kann. Die Poesie steckt mehr in meinen Bildern als in meinen Worten. Obwohl es lange gedauert hat, bis das jemand bemerkt hat.
Warum ich mit achtzehn zur Kunstakademie wollte, verstehe ich immer noch nicht. Ich dachte vielleicht, dass ich endlich frei sein würde, nach den Jahren in der Schule. Was für eine Enttäuschung. Ich musste die Realität darstellen. Es ist, wie es ist, und nicht anders. So klassisch, so beklemmend. Ich habe es nicht einmal ein Jahr ausgehalten. Ich wollte zeigen, was in mir steckte, wie ich mich fühlte, und das zum Ausdruck bringen. Das war für mich die Realität.
Meine Füße sind wie ein Kompass. Sie zeigen immer in Richtung Parks und Natur. Hätte ich jetzt nur mein Skizzenbuch dabei... Es juckt in den Fingern, die Baumstämme auf mein Papier zu bringen, die Schönschrift der Äste zu übersetzen.
Und zu Hause vermischt sich diese ungezähmte Natur dann mit meinem unzähmbaren Kopf und etwas... Verdrehtes... erscheint aus meinem Stift und Pinsel. Wie der Stamm einer Kopfweide. Knorrig, aber rein. Gibt es auf der Welt eigentlich etwas Schöneres als einen Baum?
Es ist gut zu wissen, dass ich mein ganzes Leben noch im Leopoldpark spazieren gehen kann. Wenn nicht in dem von Ostende, dann in dem von Brüssel. Die Bäume in Brüssel werden mich noch kennen. Der traurige Verrückte. Wie lange ist es her...? Dreißig Jahre schon, dass ich mich dort in der Liebe verloren habe.
In einem Brief an Edmond habe ich noch geschworen, dass ich niemals heiraten würde. Edmond Deman. Der richtige Mann am richtigen Ort. Ein Verleger von Künstlern in Brüssel. Er war also schon an besondere Typen gewöhnt. Halbverrückte wie mich (lacht). Wie den Emile Verhaeren. Ein schöner Poet und ein noch schönerer Freund. Emile war einer der ersten, der etwas von mir kaufte. Er und Edmond glaubten an mich. Dass Edmond mich sogar Bücher illustrieren ließ (lacht). „Schmeiss diese Zeichnungen in den Müll“, schrieb ich ihm, „ich kann die Träume anderer nicht darstellen, ich habe selbst schon zu viele.“
Wo ist die Zeit geblieben? Ich hatte ein wenig Erfolg und Anerkennung in Brüssel, mein Vater wurde eitel, sagte zu allen in Ostende, dass ich ein Künstler war. Es war kein großer Ruhm, aber es war etwas. In der Liebe war es nichts. Ich wusste nicht mehr, wohin mit mir. Ich musste weg. Ich war fast auf das Boot nach Kongo gesprungen. Aber meine Gesundheit ließ es nicht zu. Oder war es das Schicksal?
Und was macht ein Versager in der Liebe dann? Wenn er die Liebe hier nicht findet und nicht in ferne Länder fliehen kann? Er geht in die Stadt der Liebe. Er geht nach Paris.
Komm Léon, lauf weiter, bevor du hier Wurzeln schlägst. Obwohl, vielleicht wärst du besser ein Baum als ein melancholischer Liebesversager.
Paris. Schon vor dem Großen Krieg war es dort ein Pulverfass. Die Anarchisten und Sozialisten waren wütend und wollten Veränderungen. Überall Streiks und Unruhen. Vielleicht hatten sie recht. Die Bohemiens in Montmartre hatten wiederum nichts, nur Hunger und Durst. Ich habe dort viele Dinge gesehen, aber ich war lieber für mich alleine. Spazieren entlang der Seine. Man nennt es nicht umsonst die Stadt der Lichter: die endlosen Straßenlaternen entlang der Boulevards bei Nacht. Und natürlich die roten Lichter des Moulin Rouge. Eine Tänzerin, die sie „die Gefräßige“ nannten, schlug während des Cancan mit ihrem rechten Bein den Hut von deinem Kopf, während sie mit ihrer linken Hand dein Glas in einem Zug leer trank. So heißt es jedenfalls. Verrückte Zeiten.
Es gab genug Künstler. Wer war da alles? Max Jacob, der Schriftsteller und Maler. Und natürlich Picasso, genau so alt wie ich. Wir stellten zusammen aus und schlossen eine Wette ab: „Wer zuerst ein Gemälde verkauft, muss dem anderen das Essen bezahlen.“ Dieses Abendessen schuldet er mir immer noch. Clovis Sagot wollte unsere Kunst in seiner Galerie verkaufen. Davor war er Clown im Zirkus gewesen. Die Anzahl der Werke, die er von mir verkauft hat ... das war wirklich zum Lachen.
Und dann war da noch Emile Verhaeren, der Dichter, mein ältester Freund. Wir hatten schöne Zeiten zusammen in Paris. Aber er war immer so ungeduldig. Es hat ihm verdammt noch mal das Leben gekostet. Er verunglückte auf dem Weg nach Paris ... er sprang an Bord, bevor der Zug am Bahnsteig gehalten hat, und verlor das Gleichgewicht ... Emile doch. Es war einen Monat vor meiner Hochzeit mit Rachel, als ich meinen besten Freund verlor.
Nach dem Krieg war alles anders in Paris. Amerika hatte seinen Eintritt gemacht. Cocktails, Jazz und der Foxtrott. Die Künstler waren nicht mehr in Montmartre, sondern in Montparnasse. Zum Glück habe ich immer etwas verkauft, wenn ich dort war. Sogar an einen Polizeikommissar, Léon Zamaron, einen ernsthaften Sammler, der mittlerweile 32 Werke von mir besitzt. Die Lichter von Paris haben mich doch ein wenig aus der Dunkelheit geholt.
Der Deich ist erst rein, wenn es Nacht ist. Kein Mensch und keine Katze draußen. Nur der Deich, das Meer, die Nacht und ich. Es ist auch eine Notwendigkeit, schlafen kann ich sowieso nicht. Und wenn man nie schläft, beginnt man zu träumen, wenn man wach ist. Und was ich träume, das zeichne ich. Was sonst? Es hilft, dass die Welt nachts leer ist. Keine Strandbesucher, keine Hektik. Dann gibt es wenigstens Platz zum Atmen und Arbeiten. Und dann mache ich meine eigene Welt daraus ... dann ist es meine Welt.
Wie viele Stunden ich schon gewandert bin, nachts, tagsüber, das lässt sich nicht mehr zählen. James Ensor sagte, er könne keinen Schritt in Ostende machen, ohne mir zu begegnen. Ich könnte es auch umdrehen, James. Wandern ist notwendig, um Eindrücke zu sammeln. Und auch, um beeindruckt zu werden. Wenn ich irgendwo wandere und das Licht stimmt, dann möchte ich dort sofort wohnen. So wie ich immer einen Koffer bereit habe, um auf Reisen zu gehen. Wohin, weiß ich noch nicht, nur zur Sicherheit, falls ich es doch herausfinde.
Stundenlang kann ich umherwandern. Bis ich das Gefühl habe, dass die Geschäftigkeit wieder beginnt. Dann gehe ich nach Hause. Hier in Ostende habe ich wirklich gelernt, allein zu sein. Deshalb male ich manchmal Menschen, die auch allein sind. Menschen am Strand oder auf dem Deich, die allein vor diesem gewaltigen Meer stehen. Oder vielleicht vor dem Leben selbst. Dein Leben gehört nur dir. Natürlich brauchst du andere Menschen, aber du musst es selbst tun. Du musst es selbst lernen.
Wenn ich allein unter den Galerien stehe, klatsche ich in die Hände, und dann fühle ich mich nicht mehr allein. Dieses Echo ... grossartig. Die Galerien klatschen mit. Es ist besser, allein zu sein und sich in Gesellschaft zu fühlen, als in Gesellschaft zu sein und sich allein zu fühlen. Ich habe gelernt, meine eigene Gesellschaft zu sein. Bist du dann weniger einsam? Das weiß ich nicht genau.
Hier lauf ich wieder, wie ein Schatten in der Nacht. Die Dunkelheit. Sie hat sich in mir eingenistet. Sie erschien, als ich als Kind krank wurde, und sie ist immer bei mir geblieben. Wie eine Geliebte, die du nicht gerne hast, die dich aber nie verlässt. Ein Einzelgänger wie ich ist froh, dass da jemand bei ihm ist. Auch wenn es die Verzweiflung ist. Sie wurde meine Muse. Nur weil ich keine andere Muse hatte.
War ich vielleicht zu romantisch? Enttäuscht ... das war ich ganz sicher. Die Liebe war nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Niemand, der meine Gefühle teilte oder verstand. Es blieb ein tiefes Verlangen, das ich hegte. Und die Ablehnung ... das wurde die pechschwarze Tinte auf meinem Papier: Ich habe Frauen als Raubtiere, als Engel des Bösen, schwarze formlose Schatten dargestellt. Und sie waren immer allein. In einer Wüste voller Leere. Genau wie ich. Verzweifelt.
Ich habe diese Verzweiflung jahrelang auf Papier gebracht. Sie war in „Die Absinthtrinkerin“ und in meinen Selbstporträts. Sie ist die Frau in „Schwindelgefühl“. Ein verzweifelter Schatten auf einer Treppe, der in die Tiefe vor sich schaut. So fühlte ich mich auch. Endlos schwarz. Mit nur noch einer Treppe, die tiefer führt. Bis du so weit von der Sonne entfernt bist, dass du nur noch im Dunkeln schwindelst.
Mitten in der Nacht scheint es, als ob es für immer dunkel bleibt. Doch dann war sie da, die Sonne. Meine Rachel. Und später unsere Madeleine. Ich hatte geschworen, nie zu heiraten. Ich bin froh, dass ich mein Versprechen gebrochen habe. Meine neue Muse ist nicht in meinem Kopf. Sie steht neben mir. Ich zeichne sie. Meine Familie. Ich benutze manchmal sogar mehr Farbe.
Diese Verzweiflung. Diese Dunkelheit ... ich werde sie hier lassen. Und mein Licht ... das werde ich mitnehmen. Nach Brüssel. Wohin auch immer ich gehe.
Die Krone von Ostende. Der Kursaal. Hier wagte ich es zum zweiten Mal in meiner Karriere, in meiner Geburtsstadt auszustellen, zusammen mit Permeke. Meine allererste Ausstellung in Ostende war in der Galerie d'Art Moderne, ebenfalls mit Permeke und James Ensor.
Der große James Ensor ... als Kind hatte ich seine Gemälde schon einmal gesehen. Ich habe sie nie vergessen. Es war ein Schock für meine Seele. Vielleicht bin ich deshalb Künstler geworden?
Es war nicht einfach. So viel Missachtung in dieser kleinen Stadt. In Brüssel, Paris, Venedig – dort hatte ich bereits ausgestellt. Aber noch nie zuhause, hier in Ostende. Zuhause ist man verletzlicher.
Und Wertschätzung kann lange dauern. Besonders wenn man anders ist als der Rest. Nietzsche sagte es schon: je weiter du schwebst, desto kleiner erscheinst du den Menschen, die nicht fliegen können.
Zum Glück gab es immer Menschen, die an mich glaubten. Wie mein guter Freund Henri Vandeputte. Der hat schon für vier Leute gelebt. Dichter, Schriftsteller, Glückssucher und ... Spielsüchtiger. Dass sie ihn zum Direktor des Kursaal ernannt haben ... ich glaube, er selbst gewinnt mehr am Roulette als die anderen Spieler zusammen. Wir kennen uns schon lange. Er hat meine Werke in Paris ausgestellt, und später hier, im Kursaal. Zuvor war er noch in Amerika, er hatte einige meiner Werke als Gepäck dabei. Der amerikanische Traum? Eher Neunerlei Handwerk, achtzehnerlei Unglück. Ach, es war nicht umsonst, dass er nach Amerika ging: er musste noch 100.000 Francs im Casino von Monte Carlo zahlen.
Vor einem Jahr wurde er hier als Direktor entlassen. Vielleicht das Beste. Er bat mich damals, einen Brief zu schreiben, in dem ich erklärte, dass meine Werke, die er im Kursaal ausgestellt hatte, tatsächlich von ihm seien. Es waren 37 Stücke. Später erfuhr ich, dass dies nur ein bescheidener Teil meiner Werke in seiner Sammlung war. Henri. Es sind Menschen wie er, die dich aus dem Schatten holen. Und manchmal muss man auch einfach etwas Glück haben. Wie beim Roulette.
Ich könnte uralt werden, blind wie ein Maulwurf und taub wie ein Stein: Ich würde immer noch wissen, dass ich an den Fischereihafen bin. Ich könnte es wahrscheinlich sogar noch zeichnen. Ich habe die Menschen hier kämpfen, schwitzen, klatschen, tratschen, arbeiten, weitermachen, zögern, klagen, schippern, leben und leiden sehen. Alles durch mein Dachfenster ... In meinem Mietatelier.
Wenn ich nach links schaute, sah ich die Fischtreppe, nach rechts die Frauen am Kai, oder einen Fischwagen oder ... einen anderen Künstler. Ich war nicht der einzige, der hier Inspiration fand. Constant Permeke, als ihn noch niemand kannte, hat sogar meinen Mietvertrag für das Atelier übernommen. Wie er das bezahlte ... Als er mir noch Geld schuldete, bezahlte er mit einem Gemälde. Ich habe es angenommen und an unsere Madeleine weitergegeben. Ich habe selbst ein Porträt von Constant gemacht und ihm geschenkt. Aber er fand es nicht schön. Er steckte es sofort weg. Als man danach fragte, hat er es trotzdem mal gezeigt. Die Leute fanden es schön, das konnte er nicht ertragen, also hat er es mit seinen Holzschuhen zertreten. Temperament, eben. Aber ansonsten ... ein guter Freund. Gust De Smet war auch hier. Der malte gerne das echte Leben: Jahrmärkte, Cafés, Bauerndörfer und Kartoffelfelder. Und natürlich die Fischer.
‘Drei „Expressionisten“ an den Fischereihafen’, behaupten jetzt die Kunstkenner. Ach ja. Ich habe nie an einer Bewegung teilgenommen. Ich bin kein Maler. Ich benutze Bleistift, Indische Tinte, Aquarell, Kreide, Gouache, Kohle. Eigentlich alles. Ich schaue auf die Welt und tauche in meinen wilden, stürmischen Kopf ein und wenn ich wieder auftauche, habe ich alles auf Papier gebracht. Ist das dann „Expressionismus“?
**Ich habe versucht, den Menschen, die ich durch mein Dachfenster sah, in meinen Werken gerecht zu werden. Das hatten sie verdient. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist. Ich hatte Mitgefühl mit ihnen. Ich sah die Fischerfrauen stundenlang am Kai auf Männer warten, die niemals zurückkamen. Ich sah die Schiffer kämpfen. Ich habe dort in diesem kleinen Dachzimmer viel gesehen, gefühlt und gezeichnet.
Es ist Zeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, Léon. Zieh den Anker ein. Auf zu neuen Zielen.
Ostende, das ist alles zusammen in eins. Es ist hier das Ende oder der Anfang der Welt. Es hängt davon ab, von wo aus man schaut: von der Promenade oder vom Meer aus. Und das Meer, wie es plötzlich die Farbe ändern kann. Von luftigem Blau zu tintenschwarz, zu Rosa und Orange oder zum Grau einer Auster.
Man kann immer weiter hinschauen, es ist immer anders. Manchmal ist es eiskalt und so flach wie ein Teppich. Bis plötzlich alles umschlägt: Die Wellen schlagen gegen das Gerüst, der Wind will dich packen und mitreißen. Dann spüre ich, dass ich lebe.
Und manchmal, wenn man irgendwo steht, möchte man nicht nachdenken. Man möchte diese Gedanken und Bilder im Kopf nicht haben. Man möchte, dass der Wind durch den Kopf weht und alles kurz weggeblasen wird. Und manchmal, ganz selten, gelingt das.
Ich bin nun schon so oft durch Ostende gelaufen und habe es von allen Seiten betrachtet und gezeichnet. Trotzdem entdecke ich immer wieder Schönheit. Genau wie das Meer wird es Ostende auch immer geben. Man hört alles, man sieht alles. Von den schicken Leuten in den hellen Hotels bis zu den Fischern und Matrosen in den dunklen Cafés. Die Dünen, wo man nur den Wind hört, das Zentrum, wo man alles findet, außer Ruhe. Ich kenne keine Stadt wie Ostende, und ich möchte es auch nicht. Es darf nur eine geben.
Es ist Zeit, dass ich heimkehre. Zu meiner Rachel und unserer Madeleine. Es wird das letzte Mal sein, dass ich nach Hause komme mit dem salzigen Wind noch in meinen Kleidern, dem Lachen der Möwen noch in meinen Ohren und dem Sand in meinen Haaren. Dass ich schlafen gehe, während die Stadt erwacht. Dass Rachel mich später fragt, wo ich gewesen bin, und ich erzähle von den Hallen der Galerien, von Ensor und seinem Hut, den ich gerade noch hinter der Ecke verschwinden sah, von dem Bäcker, der schon beschäftigt war und dem Duft von frischem Brot, der die Straße erweckte, genau, noch ein Brot ...
Bevor ich gehe. Noch einmal tief einatmen. Meine Lungen füllen mit der salzigen Luft. Die Brise von Ostende. Ich nehme sie mit und atme sie in Brüssel wieder aus. (ein Atemzug)
Also, Ostende, pass auf dich auf. Zeit, den nächsten schlaflosen Verrückte zu inspirieren.